Zukunft gestalten: Interviews aus unserem Netzwerk – Shift Agency

Tobias Kirchhofer
Geschäftsführer
Shift Agency GmbH
Shift Agency ist Mitglied im House of Digital Transformation und unterstützt Unternehmen dabei, auf beiden Layern – Technik und Mensch – zukunftsfähig zu kommunizieren. Schwerpunkte: Digitales Marketing, Web-Applikationen, KI-Integration und Social Media.
HoDT: Sie sprechen davon, dass Marken „maschinenlesbar” werden müssen.
Was bedeutet das aus Marketing-Sicht – gerade für B2B-Unternehmen?
In der KI-Ära gibt es zwei Layer, auf denen Unternehmen arbeiten müssen.
Der Technik-Layer liefert der KI verwertbare Daten, damit die Marke Teil der Lösung wird. Konkret: Wenn ein Einkäufer künftig einen KI-Agenten beauftragt, Lieferanten
zu recherchieren, entscheiden strukturierte Produktdaten, API-Schnittstellen, semantisch klare Informationen und überzeugender Content darüber, ob ein
Unternehmen überhaupt gefunden wird. Das ist keine IT-Frage – das ist einestrategische Marketing-Frage.
Parallel dazu schafft der Human-Layer durch Vertrauen und Emotion die nötige Relevanz für den Menschen. Denn am Ende entscheidet meist noch ein Mensch – und der will wissen, wofür eine Marke steht.
Erfolg hat, wer für Maschinen lesbar ist und für Menschen spürbar bleibt – ein Zusammenspiel aus technischer Präzision und echtem Markenerlebnis.
Das verändert auch B2B-Marketing fundamental. Unternehmen brauchen heute eine durchdachte Marketing-Strategie, die in der KI-Ära funktioniert. Die Unternehmens Website als digitales Lagerfeuer. Spannende Content-Partnerschaften. Intelligente Web-Applikationen, die die Probleme der Nutzer lösen. Die konsequente Integration von KI-Tools in bestehende Prozesse. Und eine professionelle, zielgerichtete Social Media-Präsenz. Das sind keine Kür-Disziplinen mehr – das ist die Grundlage, um in einer KI-gesteuerten Welt relevant zu bleiben.
Die Zeiten, in denen man sich auf Fachmessen und Fachpublikationen verlassen konnte, sind vorbei. Wer auf LinkedIn nicht sichtbar ist, existiert für die nächste Generation von Entscheidern schlicht nicht. Und die Produktion dieses Contents wird durch KI-Tools radikal effizienter – wenn man weiß, wie man Mensch und Maschine zusammenbringt.
HoDT: Sie beobachten die digitale Transformation aus vielen Perspektiven –
von deutschen Weltmarktführern bis zu Innovationslaboren am Golf. Welches
Tempo sehen Sie im deutschen Mittelstand?
Drei Dinge fallen mir auf:
Erstens: Tempo bei Entscheidungen. In den Vereinigten Arabischen Emiraten habe ich erlebt, wie staatliches Handeln unternehmerischer Logik folgt – investieren,
Rahmenbedingungen setzen, machen lassen. Dadurch entsteht die gewünschte unternehmerische Dynamik mit hoher Umsetzungsgeschwindigkeit. Bei deutschen Weltmarktführern im Mittelstand sehe ich dieses Tempo ebenfalls – allerdings nur bei Unternehmen, deren Führungsebene die digitale Transformation als Chefsache
versteht.
Zweitens: Digitales Denken im Kern. Die chinesische Konkurrenz denkt Produkte konsequent digital und mit KI im Kern. Das physische Produkt ist nur noch der Anfang – die Innovation der Zukunft liegt für den deutschen Mittelstand in digital transformierten Produkten mit einer KI-getriebenen Servicewolke umgeben, die für anhaltende Wertschöpfung sorgt.
Drittens: Realitätssinn statt Jammern. Beim Gipfeltreffen der deutschen Weltmarktführer 2026 herrschte trotz der schwierigen Rahmenbedingungen eine Macher-Mentalität. Die Substanz eines Hauses beweist sich erst im Sturm. Das eigene Geschäftsmodell konsequent zu hinterfragen und digital weiterzuentwickeln. Resilienz entsteht auch durch Anpassungsfähigkeit. Der deutsche Mittelstand hat enorme Vorteile: tiefe Fachexpertise, gewachsene Kundenbeziehungen und Produkte, die weltweit gefragt sind. Was oft fehlt, ist die digitale Sichtbarkeit, die dieser Substanz gerecht wird.
HoDT: Europa hat Stärken, die nicht kurzfristig herstellbar sind, schreiben Sie.
Wie können Unternehmen diese Stärken in der KI-Ära ausspielen?
Europa hat etwas, das nicht kopierbar ist: historische Resilienz, Adaptionsfähigkeit durch Krisen, eine humanistische Wertebasis. Unsere Idee war nie technologische Dominanz – sondern die Humanisierung von Technologie.
Das kann ein echter Wettbewerbsvorteil sein. Gerade wenn KI-Systeme immer mächtiger werden, wächst das Bedürfnis nach Orientierung, Vertrauen und Authentizität. Europäische Unternehmen können diese Werte glaubwürdig verkörpern – wenn sie es schaffen, sie sichtbar zu machen.
Genau hier werden Markenführung und Marketing zur Schlüsseldisziplin: Die eigene Identität in digitale Formate übersetzen, die sowohl von Algorithmen verarbeitet als auch von Menschen gefühlt werden können. Wer das beherrscht, macht europäische Werte zum Differenzierungsmerkmal – nicht nur auf Messen, sondern in jedem digitalen Berührungspunkt.
Meine politische Vision: Ein smartes Europa mit identitätsstiftenden Regionen in einem geeinten Wirtschaftsraum. Mit Führung, die selbstbewusst entscheidet und klug priorisiert. Mit einer Leistungskultur, die Ambitionen respektiert. Und mit klaren Zielen, die messbar verfolgt und transparent umgesetzt werden.
Die Welt ringt gerade darum, welches System die kommenden Jahrzehnte prägt. Wir können gestalten – oder dabei zusehen.
Foto: © Dieter Schwer