01.12.2025

Zukunft gestalten: Interviews aus unserem Netzwerk – Fraunhofer IGD


Dr. Wolfgang Müller-Wittig

Branchenleiter Gesundheit und Pflege am Fraunhofer IGD

 

Das Fraunhofer IGD ist führend in digitalen Visualisierungstechnologien. Wie tragen Ihre Forschungsergebnisse konkret zur digitalen Transformation von Unternehmen bei – insbesondere in Bereichen wie virtuelle Realität, digitale Zwillinge oder interaktive Datenvisualisierung?

„Am Fraunhofer IGD arbeiten wir daran, Daten für Menschen nutzbar zu machen, etwa über Visualisierung, Simulation und moderne Interaktionstechnologien. Das ist ein gemeinsamer Nenner über all unsere Branchen hinweg: Manufacturing and Mobility, Infrastruktur und Public Services, Maritime Wirtschaft, Bioökonomie und natürlich Gesundheit und Pflege.
Digitale Zwillinge, VR- und AR-Anwendungen oder interaktive Dashboards ermöglichen es unseren Partnern, Zusammenhänge schneller zu erfassen und Entscheidungen auf einer besseren Basis zu treffen. Die Digitalisierung wird dann nicht abstrakt gedacht, sondern sie wird konkret erlebbar. Und genau das ist entscheidend für Transformationsprozesse. Nehmen wir eine unserer Kernbranchen Gesundheit und Pflege als Beispiel. Digitale Zwillinge von Patentinnen, Behandlungswegen spezielle Krankheiten oder ganzen Einrichtungen ermöglichen Ärzten und Krankenhausleitungen, Abläufe präzise zu analysieren, Therapiepfade zu simulieren oder Ressourcen vorausschauend zu planen.
VR- und AR-Anwendungen unterstützen behandelnde Ärzte bei der Interpretation von Bilddaten, der intraoperativen Orientierung oder angehendem Personal beim Training komplexer Eingriffe.
Interaktive Dashboards machen Daten aus Klinik-IT, Sensorik, Monitoring oder Forschung so zugänglich, dass medizinisches Personal kritische Trends schneller erkennt und Maßnahmen ableiten kann.

So wird Digitalisierung nicht nur technisch umgesetzt, sondern für die Anwender erlebbar, intuitiv und unmittelbar hilfreich – und genau das ist der Schlüssel für nachhaltige Transformation im Gesundheitswesen.“

Innovationskraft durch Forschung und Praxisnähe: Wie gelingt es Ihnen, technologische Entwicklungen in reale Anwendungen zu überführen – und welche Branchen oder Anwendungsfälle erleben aktuell den größten Fortschritt?

„Wir haben bei Fraunhofer eine sehr anwendungsorientierte Forschungskultur. Unsere Projekte entstehen immer gemeinsam mit den Anwendern: sei es in Industrieunternehmen, in Städten oder wie im Beispiel oben, in Einrichtungen des Gesundheitswesens. Hier sind es die Ärztinnen und Ärzte, Pflegefachpersonen, Krankenhausleitungen oder Medizintechnikhersteller. Wir entwickeln nicht im Labor an den Bedürfnissen vorbei, sondern direkt an realen Herausforderungen wie dokumentationsintensiven Abläufen, komplexen Diagnosedaten, Ressourcenengpässen oder der Notwendigkeit sicherer, vernetzter Datenräume. Wir entwickeln Prototypen, testen sie früh und iterativ in Klinik- und Praxisumgebungen und bringen sie dann in produktive Umgebungen.

Besonders starke Entwicklungen sehe ich überall dort, wo komplexe Abläufe, steigende Datenmengen, Zeitdruck und hohe Anforderungen an Sicherheit und Planbarkeit zusammenkommen. So unterstützen wir beispielsweise radiologische und chirurgische Teams durch Zusammenführung von Bilddaten oder AR-gestützte Orientierung, damit Behandlungen präziser geplant und sicherer durchgeführt werden können. Ein weiteres Beispiel ist die Optimierung klinischer Abläufe, bei der digitale Zwillinge Behandlungswege, Kapazitäten oder Notaufnahmen transparenter und planbarer machen. Ebenso zeigen sich Vorteile in der Pflege, wo intuitive Interaktion, KI-gestützte Dokumentation und Assistenzsysteme den Alltag spürbar erleichtern.

Überall dort zeigt sich: Visualisierung, Simulation und KI werden zu entscheidenden Hebeln, um Versorgungsqualität zu erhöhen und Mitarbeitende zu entlasten.“

 

Zukünftige Potenziale und Herausforderungen: Welche Visionen zur Digitalisierung und Interaktivität treiben Sie derzeit besonders an – und wo sehen Sie die größte Herausforderung besonders im Bereich Gesundheit und Pflege?

„Meine Vision – und die des Instituts – ist eine Digitalisierung, die intuitiv funktioniert: Daten, Modelle und KI-Ergebnisse sollen dort verfügbar sein, wo sie gebraucht werden, und so visualisiert, dass sie sofort verständlich sind: Direkt am Patientenbett, im OP, in der Diagnostik oder in der strategischen Planung. Das ist die Basis für echte Interaktivität. Diese Entwicklungen passen sehr gut zu den Zielen des Wissenschaftsjahres 2026 ‚Medizin der Zukunft‘, das den Mut zu neuen digitalen Formen der Versorgung fördern will.
Die größte Herausforderung sehe ich branchenübergreifend: Daten müssen interoperabel sein, Verantwortlichkeiten klar definiert, und die Mitarbeitenden gut vorbereitet. Technologie funktioniert nur dann nachhaltig, wenn Organisationen sie strategisch einbetten – und die Menschen sie als Unterstützung erleben.“

 

Robin Reimers
Alle Beiträge