01.09.2026

Zukunft gestalten: Interviews aus unserem Netzwerk – DenktMit eG

 Dr. Sven Köppel

Gründer 
DenktMit eG

Im aktuellen Interview unserer Reihe „Zukunft gestalten: Interviews aus unserem Netzwerk“ sprechen wir mit Dr. Sven Köppel, von der DenkMit eG, darüber, warum digitale Souveränität gerade jetzt so wichtig ist, welche Anforderungen souveräne Cloud-Infrastrukturen erfüllen müssen und welche Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit der Schwarz-Gruppe beziehungsweise STACKIT sich auf andere Unternehmen übertragen lassen.

 

Warum ist digitale Souveränität gerade jetzt ein so wichtiges Thema für Unternehmen und öffentliche Institutionen in Europa?

Ein großer deutscher Philosoph sagte einmal: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. In den letzten Jahrzehnten hat die Digitalisierung alle gesellschaftlichen Bereiche durchdrungen. Dabei hat sie neue Geschäftsmodelle ermöglicht, zum Beispiel das Anmieten von Rechenressourcen in der Cloud. Die dadurch entstandenen Abhängigkeiten fallen in der internationalen Drohkulisse der letzten Jahre besonders drastisch auf. Diese Abhängigkeiten sind selbstverschuldet und sorgen für digitale Unmündigkeit, denn wir haben mit der Abgabe unserer Daten in amerikanische Clouds ihre Wertschöpfung aufgegeben. Als aufgeklärte Menschen müssen wir wieder Souveränität über unsere selbstgeschaffene digitale Welt erlangen und so einen würdevollen Umgang mit unseren Daten erlangen.

Wer heute das Thema digitale Souveränität nicht zur Chefsache macht, geht morgen fahrlässig existenzielle Risiken ein, wenn politische Unwägbarkeiten den Zugang zu US-Software oder zu Chips aus Fernost prohibitiv erschwert.

Das Thema “Souveranität” nervt, es klingt wie eine ungesunde Mischung aus Compliance und unangepasster Zivilgesellschaft. Außerdem gehört es zum Reflex eines deutschen Mittelständlers, die eigene Ohnmacht in der Weltpolitik zu betonen. Aber so ohnmächtig sind wir in Europa gar nicht: Dank umgreifender Strukturreformen und exzessiven europäischer Förderungen erleben wir mittlerweile einen Boom der europäischen Chip- und Software-Industrie. Es ist sehr wohl möglich, hochwertige konkurrenzfähige Produkte zu machen, die nicht nur auf Weltniveau sind, sondern andere Länder und Kontinente hinter sich lassen.

 

Welche konkreten Anforderungen müssen souveräne Cloud-Infrastrukturen erfüllen, damit Unternehmen ihre Daten, Prozesse und technologischen Abhängigkeiten besser kontrollieren können?

Europa steht in der Welt wie keine zweite Region für Freiheit und Demokratie. Das digitale Pendant zu diesen Werten ist Open Source und Open Hardware. Dabei handelt es sich um liberale Lizenzmodelle, die eine weitgefasste Nutzung von Software- und Hardwarelösungen erlauben. Diese Lizenzmodelle sind die Grundlage für den internationalen Boom von Cloud Computing und Künstlicher Intelligenz und bilden dabei auch eine Brücke zwischen Industrie, Ausbildung/Lehre und Zivilgesellschaft.

Einer der “unique selling points” des Wirtschaftssstandorts Deutschland sind die exzellenten Hochschulschulen, die es im weltweiten Ranking regelmäßig an Spitzenpositionen schaffen. Für den erfolgreichen Transfer von Grundlagenforschung in die Wirtschaft herrscht in Deutschland bislang noch die falsche Einstellung: Unsere digitalen Pioniere werden durch die “German Angst” gebremst. Es ist wichtig und richtig, diese politische, wirtschaftliche und rechtliche Handbremse zu lösen um den digitalen Wirtschaftsstandort Europa langfristig zu stärken. Open Source spielt dabei als Bindeglied eine zentrale Rolle. Deswegen zielen Fördermaßnahmen auch immer auf Open Source: Die Finanzierung von Akteuren, Stärkung von Infrastruktur und Communities oder Etablierung von Interessensgemeinschaften sind dabei nur einige von vielen nötigen Maßnahmen.

Der Begriff “Vendor-Lockin” beschreibt eine künstlich hergestellte Herstellerabhängigkeit, die im IT-Sektor durch schlecht dokumentierte Prozesse und schlecht modellierte Daten entsteht. Erst offener Quellcode und offene Standards erlaubt, dass europäische Unternehmer:innen ihre Abhängigkeit nicht vom US-Konzern zum EU-Konzern verschieben, sondern wirklich Kontrolle zurückgewinnen und herstellerunabhängig agieren können.

Welche Erfahrungen aus Ihrer Zusammenarbeit mit der Schwarz-Gruppe beziehungsweise STACKIT lassen sich auf andere Unternehmen übertragen – und worauf sollten Organisationen beim Aufbau einer souveränen Cloud-Strategie besonders achten?

STACKIT baut essentiell auf Open Source und stellt IT-Sicherheit und Souveränität an hohe Stelle. Der schwäbische Cloudhersteller aus dem Schwarz’schen Lidl/Kaufland-Imperium fokussiert sich dabei besonders auf Industriekunden und die öffentliche Verwaltung (B2B und B2G), wohingegen Privatkunden (B2C) in seiner Preisstruktur eine untergeordnete Rolle spielen.

Wir, die DenktMit eG mit Sitz in Oberursel, sind eine Genossenschaft freiberuflicher IT-Expert:innen und damit eine Mischung aus Unternehmensberatung, Wirtschaftsnetzwerk und Exzellenzcluster herausragender Persönlichkeiten in der deutschen IT-Szene. Die Genossenschaft wurde 2021 gegründet und besteht mittlerweile aus mehr als 30 Teilhaber:innen. 2026 haben wir es geschafft, eingetragener Partner von STACKIT zu werden, auf Augenhöhe mit Unternehmensberatungen wie Capgemini oder Accenture. Gemeinsam mit STACKIT etablieren wir einen neuen Standard bei Fortbildungen in modernen autarken Cloud-Architekturen und dem nötigen Cloud-Engineering. Wir wollen hier nicht 10 Jahre später die US-Hyperscaler kopieren, sondern durch innovative wegweisende Konzepte die Cloud von morgen bauen.

Wir unterstützen STACKIT bei Aufbau einess digitalen Produkt-Portfolios, welches das klassische Cloud-Produktspektrum mit neuartigen souveränen Plattformen wie Edge Cloud und Distributed Cloud ergänzt. Dabei handelt es sich um Rechenzentrums-Modelle, bei denen der Kunde mehr Kontrolle über die Nähe bzw. den Ort der Datenverarbeitung hält. Wir beobachten dabei auch, dass “Cloud Native”-Plattformen wie Kubernetes eine Abstraktion von Cloudprovidern ermöglichen und so dem “Vendor-Lockin” bewusst entgegensetzen. Wir engagieren uns gemeinsam mit STACKIT im Rahmen europäischer Förderprogramme wie der europäischen Linux Foundation dafür, offene Standards zu setzen um den Wechsel zwischen Cloudprovidern zu vereinfachen.

 

Robin Reimers
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