Zukunft gestalten: Interviews aus unserem Netzwerk – AEP Solutions GmbH

Hermann Fedra
Geschäftsführer
AEP Solutions GmbH
Im aktuellen Interview unserer Reihe „Zukunft gestalten: Interviews aus unserem Netzwerk“ sprechen wir mit Hermann Fedra, Geschäftsführer von der AEP Solutions GmbH, über den digitalen Produktpass und die damit verbundenen Anforderungen durch neue EU-Regulierungen. Im Mittelpunkt steht die Frage, was die Einführung für Unternehmen konkret bedeutet, welche Schritte jetzt wichtig werden und wie digitale Systeme, Datenstrukturen und Prozesse dazu beitragen können, Transparenz, Datenqualität und Nachhaltigkeit entlang von Wertschöpfungsketten zu stärken.
Die EU treibt mit dem digitalen Produktpass mehr Transparenz und
Nachhaltigkeit in Wertschöpfungs-ketten voran. Welche Unternehmen sind davon besonders betroffen – und was verändert sich konkret für sie?
Vorab zur Einordnung: Der Produktpass ist kein isoliertes Vorhaben, sondern das zentrale
Informationsinstrument der EU-Ökodesign-Verordnung ESPR. Sie löst die frühere Ökodesign
Richtlinie ab und weitet sie von der reinen Energieeffizienz auf den gesamten ökologischen
Fußabdruck und die Kreislauffähigkeit eines Produkts aus. Der Produktpass ist das Vehikel,
über das diese Informationen entlang der Wertschöpfungskette verfügbar werden.
Bei der Betroffenheit muss man zwei Kreise unterscheiden, und der zweite wird in der Praxis
fast immer unterschätzt. Direkt betroffen sind zuerst die Produktgruppen der ersten Wellen:
Batterien, deren Pass ab 2027 einen verpflichtenden CO₂-Fußabdruck enthält, Eisen- und Stahl-Halbzeug, für das der delegierte Rechtsakt gerade vorbereitet wird, sowie Textilien und Bauprodukte. Wer hier Hersteller ist, steht unmittelbar in der Pflicht.
Der relevante Kreis für die Industrie ist aber der zweite: die nachgelagerte
Wertschöpfungskette. Ein Maschinenbauer oder Getriebehersteller stellt zu Recht fest, dass
sein Produkt auf keiner Liste steht – und zieht daraus oft den falschen Schluss, ihn betreffe
das nicht. Tatsächlich kommt der Druck nicht über die eigene Produktregulierung, sondern
über die Kette: Die Kunden, etwa die Automobil- oder Anlagenbauindustrie, fordern Produkt
Carbon-Footprints von ihren Zulieferern, und über CBAM auf das eingekaufte Vormaterial
sowie die Scope-3-Berichtspflicht der CSRD wird diese Information ohnehin nach unten
weitergereicht. Wer sie nicht liefern kann, verliert perspektivisch seinen Platz in der
Lieferkette.
Was sich konkret ändert, ist der Charakter der Umweltdaten. Heute entsteht ein Produkt
Footprint projektweise – manuell, über externe Dienstleister, mit fünfstelligen Kosten und
Monaten Vorlauf je Produkt. Künftig wird er zur Standard-Lieferinformation wie ein
technisches Datenblatt: produktgenau, aktuell, maschinenlesbar und über das gesamte
Portfolio verfügbar. Das ist der eigentliche Bruch – von der einmaligen Einzelfallstudie zur
laufenden Datenbereitstellung.
In der Praxis beginnt der digitale Produktpass oft nicht mit der Technik, sondern mit der Frage: Wo liegen unsere Daten überhaupt? Welche typischen Herausforderungen begegnen Ihnen dabei?
Das ist die richtige erste Frage, denn der Produktpass scheitert selten an der Technik und fast
immer an der Datenlage. Der ernüchternde Befund aus der Praxis lautet: Die Daten sind meist
vorhanden – nur nicht verknüpft, nicht in der nötigen Granularität und nicht lieferkettenfähig.
Vier Muster begegnen uns regelmäßig. Erstens die Fragmentierung: Stücklisten im ERP,
Werkstoffdaten im PLM, Energiedaten in der Leittechnik, Lieferanten-Footprints als PDF im
Postfach – nichts davon ist durchgängig von der Stückliste bis zur Umweltwirkung verkettet.
Zweitens die Stammdatenqualität: Werkstoff- und Materialschlüssel sind uneinheitlich gepflegt
und lassen sich nicht ohne Weiteres maschinell auf LCA-Datenbanken abbilden. Drittens die
Granularität: Der Produktpass verlangt Aussagen auf Modell-, Chargen- oder Stückebene,
während die meisten Systeme auf Aggregaten rechnen. Und viertens die Mehrfachpflege:
Dieselben Grunddaten werden für CSRD, für CBAM und fürs Controlling getrennt erhoben.
Die wichtigste Erkenntnis daraus ist, dass dies kein Werkzeugproblem ist, das man mit dem
Kauf einer Software löst, sondern ein Problem der Datenarchitektur. Wer mit der
Werkzeugfrage beginnt, baut auf Sand. Zuerst muss die Datenbasis geordnet werden – erst
dann trägt jede Technik darauf.
Wie kann AEP Unternehmen dabei unterstützen, die notwendigen Datenstrukturen und Prozesse für den digitalen Produktpass aufzubauen, ohne dass die Umsetzung zur zusätzlichen Belastung wird?
Entscheidend ist, woher die Belastung überhaupt kommt. Sie entsteht nicht durch den
Produktpass als solchen, sondern durch die fragmentierten Insellösungen – ein Tool für
CSRD, eines für CBAM, ein Dienstleister für die Ökobilanz, das Controlling daneben. Jede
neue Verordnung vervielfacht so den Aufwand, nicht den Nutzen. Unser Ansatz dreht diese
Logik um: eine Datenbasis statt vier Silos.
Praktisch bedeutet das dreierlei. Wir docken an die vorhandenen Systeme an, statt sie zu
ersetzen – AEP ist ERP-unabhängig und holt die Daten dort ab, wo sie liegen. Wir berechnen
den Footprint stücklistenbasiert aus den ohnehin vorhandenen ERP-Strukturen wie
Stücklisten, Arbeitsplänen und Energiezuordnung, statt ihn je Produkt manuell zu erstellen.
Und wir koppeln die Umweltwirkung an das Controlling: Der Fußabdruck wird zur
Steuerungsgröße neben den Kosten, nicht zu einer separaten Pflichtübung.
Der eigentliche Unterschied liegt darin, dass die meisten Lösungen am Markt genau eine Welt
bedienen: ESG-Werkzeuge berichten, LCA-Werkzeuge rechnen, ERP-Suiten buchen Kosten.
AEP führt die drei auf einem Datenmodell zusammen. Greifbar wird das an einem einfachen
Vergleich: Was ein externer Dienstleister heute als einzelne Ökobilanz für einen fünfstelligen
Betrag und mit Monaten Vorlauf erstellt, rechnet AEP aus den vorhandenen Stücklisten über
das gesamte Portfolio – und macht denselben Wert zugleich im Controlling als Kostengröße
sichtbar. Aus einer Pflichtübung wird ein Steuerungsinstrument.
Genau darin liegt die Antwort auf die Belastungsfrage. Erfüllt der Produktpass nur eine
Compliance-Pflicht, ist er reiner Aufwand. Bedient dieselbe Datenbasis aber zugleich CBAM
und CSRD und zeigt dem Unternehmen, wo seine Material-, Energie- und Transportkosten
und seine Emissionen entstehen, entsteht ein betriebswirtschaftlicher Eigennutzen, der die
Investition trägt – unabhängig davon, wie sich die Regulierung im Detail weiterentwickelt.
Compliance wird dann zum Nebenprodukt einer Steuerung, die das Unternehmen ohnehin
haben möchte oder muss. Und man beginnt klein: mit dem, was Pflicht oder
Kundenanforderung ist, erweiterbar zum vollständigen Bild.